Autor: Yve Nicole Mohnfeld

  • Wie Frida Kahlo ihr Trauma verwandelte – und was wir von ihr lernen können

    Wie Frida Kahlo ihr Trauma verwandelte – und was wir von ihr lernen können

    Schmerz hat viele Gesichter. Oft ist er auf den ersten Blick nicht sichtbar. Wenn wir den Schmerz unterdrücken, schickt uns der Körper eindeutige Signale. Diese versuchen wir vielleicht lange Zeit zu ignorieren. Frida Kahlo zeigt uns eine Alternative: Wir sollten den Schmerz nicht verdrängen, sondern ihm künstlerisch Ausdruck verleihen.

    Zwischen Schmerz und Kunst

    Frida Kahlo wurde am 6. Juli 1907 in Coyoacán nahe Mexiko-Stadt geboren. Ihre Mutter war die Mexikanerin Matilde Calderón y González, ihr Vater der deutsche Fotograf Guillermo Kahlo.
    Mit sechs Jahren erkrankte Frida an Kinderlähmung. Bereits zuvor litt sie jedoch aufgrund einer angeborenen Fehlbildung unter gesundheitlichen Einschränkungen.

    Frida erlitt im Alter von 18 Jahren bei einem tragischen Busunfall schwerste körperliche Verletzungen. Danach folgten unzählige Operationen, lange Genesungsphasen im Bett und quälende Schmerzen. Da sie über Monate hinweg in einem Gipskorsett ans Bett gefesselt war, suchte sie nach Möglichkeiten, mit ihrer Verzweiflung und Isolation umzugehen. So begann sie mit der Malerei. Liegend mit einer speziell für sie angefertigten Staffelei und einem Spiegel, der an der Decke befestigt wurde. Dort entstand das erste Selbstporträt: „Selbstbildnis mit Samtkleid“ (1926).

    Neben den großen körperlichen Einschränkungen belastete Frida ein unerfüllter Kinderwunsch und die leidenschaftliche, oft qualvolle Liebe zu dem erfolgreichen Künstler Diego Rivera. die sie in eine tiefgreifende emotionale Abhängigkeit führte.

    Da sie ihren Körper, ihre Erkrankungen sowie ihre physischen und psychischen Verletzungen zur zentralen Bühne ihrer Kunst machte, konnte sie ihre Leiden besser verarbeiten.

    • Körper, Geist und Seele als Einheit:  In ihren Werken zeigt Frida eindrucksvoll, wie sehr sie einerseits unter ihren Schmerzen und Einschränkungen litt, andererseits spiegeln ihre Werke vor allem ihre unglaubliche Stärke wider. Ob Blutbahnen, offene Wunden, Amputation, Depression, Fehlgeburt, ein mit Dornen und Nägeln geschundener Körper – Frida hat keine Scheu, ihre körperlichen, seelischen und emotionalen Verletzungen zu teilen.
    • Kein Raum für Scham: Frida teilte schonungslos und ehrlich alles, was ihr Leben prägte. Ob Korsetts, Tränen oder chirurgische Narben. Sie brachte all das auf die Leinwand und nahm den traumatischen Erfahrungen so Gefühle wie Ohnmacht, Scham und Angst.
    • Den Schmerz loslassen: Indem sie ihren Schmerz in ihren Werken teilte, fühlte sie sich damit nicht mehr ganz allein. Zwar ist der Schmerz noch ein Teil ihres Lebens, doch auf einer tieferen Ebene ist sie davon auch losgelöst.


    Frida zeigt, dass Heilung nicht bedeutet, schmerzfrei durchs Leben zu gehen. Vielmehr geht es darum, einen Weg zu finden, trotz Verletzungen, Traumata und Wunden ein erfülltes Leben zu führen. Ungeachtet ihrer Einschränkungen war Frida eine starke Frau. Sie war politisch aktiv, zeigte durch das Tragen der traditionellen Tehuana-Tracht ihre tiefe Verbundenheit zur mexikanischen Kultur und war bereits zu Lebzeiten eine international anerkannte und erfolgreiche Künstlerin sowie eine Kämpferin für die weibliche Selbstbestimmung.

    Praxisübung: Versuche, deinen (Ur-)Schmerz auf kreative Weise auszudrücken.

    Du brauchst kein Talent, oder viele Farben, um Fridas Methode auch für dich zu nutzen. Es geht nicht um Perfektion oder Ästhetik, sondern darum, nach Innen zu schauen, es geht um Ehrlichkeit und deine Maske jetzt abzulegen.

    Nimm dir 15 Minuten Zeit, ziehe dich an einen Ort zurück, der dir Sicherheit schenkt:

    Option 1: Schreibe einen Brief. Versuche, dich mit deiner tiefsten Verletzung, deinem Ur-Schmerz zu verbinden. Beobachte den Schmerz, ganz ohne Bewertung.

    • Frage dich: Wo spüre ich den Schmerz? Was möchte er mir mitteilen? Was kann ich tun, um mit dem Schmerz, der Erkrankung oder der Verletzung in Frieden zu leben?
      Schreibe ohne lange nachzudenken alles auf, was sich an Gefühlen und Gedanken zeigt.

    Option 2: Male deinen Urschmerz
    Nimm dir einen Stift und, wenn du welche hast, Buntstifte sowie ein Blatt Papier. Schließe vor dem Malen kurz die Augen und spüre in deinen Körper hinein. Welche Farben, Formen und Texturen erscheinen vor deinem inneren Auge, wenn du an deinen persönlichen Schmerz denkst?

    • Beginne dann, ohne groß darüber nachzudenken, mit deinem „Schmerzbild”. Es darf ruhig einfarbig, krakelig, bunt, abstrakt oder ganz wild sein. Lass deine Gefühle durch die Hände auf das Blatt Papier fließen.

    Betrachte zum Abschluss nun dein Ergebnis. Was eben noch ungreifbar in deinem Körper oder Geist saß, liegt nun vor dir auf dem Papier. Du hast dem Schmerz eine Form gegeben und ihm damit ein Stück seiner zerstörerischen Kraft genommen. Indem du deinem Schmerz Ausdruck verliehen hast und nicht mehr wegsiehst, entziehst du ihm einen Teil seiner Macht. Du befreist dich vom Gefühl, damit alleine zu sein, und kannst den Schmerz teilen, ohne dich zu schämen, ohne dich schuldig zu fühlen, ohne ihn zu bewerten.

    Kunst und Kunstgeschichte sind eines meiner großen Herzensthemen. Ich hatte das große Glück, im zweiten Anlauf mit Mitte 30 Kunstgeschichte zu studieren. Besonders berührt haben mich Künstlerinnen wie Frida Kahlo, Gabriele Münter und Paula Modersohn-Becker mit ihren Werken und Lebensgeschichten. Welche Künstlerin hat dein Herz erobert?

    Ich freue mich über deine Rückmeldung in den Kommentaren.

    Alles Liebe, Yve


    Quellen und Leseempfehlungen:

    • Frida Kahlo (Taschen GmbH, 2021) – Bildband / Monografie für visuelle Werkanalysen und Symbolik.
    • Selbstbildnisse der Künstlerinnen Maria Lassnig und Frida Kahlo (GRIN Verlag, 2023) – Fachliteratur zum therapeutischen Potenzial und zur Identitätsarbeit.
    • Frida Kahlo und die Farben des Lebens: Roman (Aufbau Taschenbuch, 2019) – Biografischer Roman für erzählerische Einblicke in Kahlos Gefühls- und Lebenswelt.


    Bild: Brett Sayles

  • Sommer, Sonne… und Symptome?

    Sommer, Sonne… und Symptome?

    Heiße Sommertage mit chronischer Erkrankung.

    Das Thermometer zeigt über 30 Grad und alle zieht es gefühlt nach draußen: Badesee, Biergarten, Grillpartys, Picknick im Park. Auch auf Social Media läuft die perfekte Sommershow: lachende, makellos gebräunte Menschen, die dem Sonnenuntergang entgegenpaddeln. Es sei ihnen gegönnt. Für viele Menschen mit chronischen Erkrankungen – sei es eine Autoimmunerkrankung, ME/CFS, Long Covid, Herz-Kreislauf-Probleme oder chronische Schmerzen – kann der Sommer zu einer großen Challenge werden. Auch für die mentale Gesundheit können die heißen Tage und Wochen eine besonders kräftezehrende Zeit sein. Kennst du das auch?

    Hohe Temperaturen fordern Körper und Nervensystem enorm heraus. Selbst viele gesunde Menschen klagen über die negativen Auswirkungen der Hitze auf ihr Wohlbefinden. Chronisch Kranke sind davon jedoch doppelt so stark betroffen. Die Erweiterung der Blutgefäße lässt den Blutdruck abfallen, die chronische Erschöpfung (Fatigue) nimmt drastisch zu und die Entzündungswerte können ansteigen. „Auch die Belastung der Organe, vor allem der Nieren, erhöht sich“, sagt Professorin Dr. Dr. med. Dagmar Führer-Sakel, Vorsitzende der DGIM und Direktorin der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Essen. Zudem verschlechtert sich die Schlafqualität, was das bereits dysregulierte Nervensystem zusätzlich extrem stressen kann.


    FOMO – die Angst das Leben zu verpassen

    Kommt dir das bekannt vor? Du verbringst den Tag im abgedunkelten Zimmer mit dem Ventilator, musst Verabredungen absagen – oder wirst gar nicht mehr eingeladen, weil deine Freund:innen davon ausgehen, dass du ohnehin nicht kommen kannst. Während die Welt draußen auf Festivals, Konzerten, im Park oder im Freibad das Leben feiert, suchst du Rückzug, Kühle und Sicherheit in deinen eigenen vier Wänden.

    Trauer, Frust oder Schuldgefühle: Das Gefühl, all das zu verpassen, was dein Leben einst erfüllt hat. Diese FOMO (Fear of Missing Out) ist unter Betroffenen leider weit verbreitet. Doch du bist so viel mehr als die verpassten Events und Verabredungen. Dein Wert misst sich nicht an deiner Aktivität im Sommer.

    Wertvolle Strategien für heiße Tage

    • Akzeptiere deine Grenzen. Du kannst das Wetter nicht beeinflussen, aber du kannst beeinflussen, wie du darüber denkst. Es ist keine Schwäche, Termine abzusagen oder Aktivitäten, die dir guttun, in die kühlen Morgen- und Abendstunden zu verlegen. Das ist Selbstfürsorge und Selbstliebe.
    • Hilfsmittel nutzen: Kühlpacks aus der Tiefkühltruhe, feuchte Tücher, erfrischende Kühlhandtücher, wohltuende Fußbäder, tragbare Mini-Ventilatoren für unterwegs oder wärmeableitende Bettwäsche aus Leinen sind kein unnötiger Schnickschnack, sondern wertvolle Hilfsmittel. Sie verschaffen dir echte Erleichterung und unterstützen deinen Körper.
    • Suche Schatten! Wenn du rausgehen möchtest, solltest du schattige Plätze bevorzugen. Ein kühler Ort im Schutz eines Baumes an einem Bächlein ist viel entspannender als ein überfülltes Strandbad und fördert die Gesundheit.
    • Priorisiere dein Pacing: Achte noch bewusster auf deinen Energiehaushalt und die Signale deines Körpers. Plane reichlich Pausen ein. Praktiziere sanfte Bewegung wie Yoga, Qigong oder Pilates in kurzen Sequenzen. An sehr heißen Tagen solltest du auf Übungen im Liegen oder Sitzen ausweichen. Für kurze Spaziergänge sind die Morgen- oder Abendstunden am besten geeignet.
    • Trinken: Achte auf genug Flüssigkeitszufuhr, am besten 2 bis 3 Liter Wasser. Aber auch Elektrolyte (ohne Zusatzstoffe) können deinen Kreislauf unterstützen.

    Ein schöner Sommer bedeutet nicht, die Tage an überfüllten Badeseen oder auf Grillpartys zu verbringen. Ein schöner Sommer kann bedeuten, dass du deine Grenzen erkennst und offen kommunizierst, auf dich achtest, dir etwas Besonderes wie die kühlende Bettwäsche aus Leinen gönnst, ein spannendes Buch liest, in der angenehm abgedunkelten Wohnung zu deinem Lieblingssong tanzt, einen inspirierenden Podcast hörst, ein neues kreatives Hobby findest, dich mit einer Freundin zum Morgenspaziergang im Wald triffst oder dir dein eigenes Eis zauberst und es mit der Familie auf dem Balkon genießt – eben all das, was dir wirklich guttut. In deinem Tempo – für deinen Körper, deinen Geist und deine Seele.

    Alles Liebe,

    Yve



    Foto: Pixabay

    Quellen & weiterführende Informationen:

    • Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM)
    • Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e. V.
    • Portal „Klima, Mensch, Gesundheit“
    • Umweltbundesamt

  • Die Kraft in dir: Wie Ressourcenaktivierung deine Resilienz stärkt und das Leben verändert

    Die Kraft in dir: Wie Ressourcenaktivierung deine Resilienz stärkt und das Leben verändert

    In herausfordernden Phasen unseres Lebens, richtet sich unsere Aufmerksamkeit fast automatisch auf das, was schief läuft. Doch was wäre, wenn der Schlüssel zur Lösung längst in dir liegt – du ihn nur gerade nicht findest?

    Hier kommt die Ressourcenarbeit zum Einsatz. Sie ist ein zentraler Baustein der Positiven Psychologie – ein wissenschaftlicher Bereich, der erforscht, was das menschliche Leben und Miteinander gelingen lässt – wie sich Vertrauen, Geborgenheit, Optimismus, Glück, Verzeihen und Solidarität auf die mentale Gesundheit des Menschen auswirken.

    Wie die Sozialpsychologin Ann Elisabeth Anhagen (Freie Universität Berlin) erklärt, knüpft die Positive Psychologie an die Humanistische Psychologie an. Ihr Ziel: Durch den Fokus auf die persönlichen Stärken, das Bedürfnis nach Glück, Ausgeglichenheit und seelische Gesundheit Wege aufzuzeigen, die das Erreichen von echtem Wohlbefinden erleichtern. Kurz gesagt: Wenn du dich selbst und deine Kraftquellen gut kennst, fühlst du dich automatisch wohler – auch in schwierigen Momenten.

    „Die Frage, wie Glück hergestellt wird, ist eine mindestens so wichtige Frage wie die, wie Unglück entsteht. […] Immer nur auf das zu schauen, was gescheitert ist, hilft nicht weiter […] sondern indem man möglichst viele neue positive und bedürfnisorientierte Erfahrungen macht.“

    — Klaus Grawe (1943–2005), Psychotherapieforscher


    Was sind Ressourcen überhaupt?

    Ressourcen sind deine persönlichen Kraftquellen. Sie stärken dein psychisches Immunsystem und erhöhen deine Resilienz, deine psychische Widerstandskraft. Dazu gehören oft ganz einfache Dinge im Alltag:

    • Bewegung und bewusste Wahrnehmung in der Natur
    • Musik, Kunst, Literatur und Kreativität
    • Schöne Erinnerungen
    • Tiere, Kochen, Tanzen, Humor und Lachen
    • Zeit mit Freunden und Familie

    In der ressourcenorientierten Begleitung gilt der Grundsatz: Jeder Mensch besitzt bereits die Fähigkeiten und die Stärke, die er zur Bewältigung seiner Herausforderungen braucht. Manchmal hat er sie nur vergessen oder noch nicht erkannt.

    Die Vielfalt deiner Kraftquellen

    In ihrem Buch „Coaching mit Ressourcenaktivierung“ unterscheiden Dr. Miriam Deubner-Böhme und Dr. Uta Deppe-Schmitz zwischen verschiedenen Ebenen:

    Ressourcen-KategorieBeispiele
    Interne RessourcenFähigkeiten, persönliche Eigenschaften, Interessen, Wissen, innere Haltungen
    Externe RessourcenSoziales Netz, Arbeitsumfeld, Infrastruktur, Natur, Kultur
    Körperliche & Psychische RessourcenGesundheit, Fitness, emotionale Stabilität, Achtsamkeit

    Wichtig zu wissen: Deine Ressourcen sind so individuell wie dein Fingerabdruck. Zwar gibt es Übereinstimmungen mit anderen (wie dem Wohnumfeld oder dem sozialen Status), aber dein Mix aus Kraftquellen gehört ganz allein dir. Zudem verändern sich Ressourcen mit dem Alter, der Lebenserfahrung oder der Gesundheit – hier ist die Flexibilität und die Anpassung an neue Lebensumstände wichtig.

    Vom Erkennen zum Tun: Wann ist eine Ressource wirklich aktiv?

    Schon der erste Blick auf die eigenen Kraftquellen ist ein wertvoller Schritt. Wissenschaftlich ist erwiesen, dass bereits das Nachdenken und Reflektieren über Ressourcen Akrivierungsprozesse auf neuronaler Ebene, in deinem Gehirn, in Gang setzt. Es erhöht dann die Wahrscheinlichkeit, dass du sie im Alltag tatsächlich auch nutzt um umsetzt.

    Wichtig: Solange eine Ressource nicht wirklich gelebt wird, profitierst du nicht in vollem Umfang von ihr.

    Ein einfaches Beispiel:

    Eva weiß, dass ihr ein Waldspaziergang guttut, um Abstand von Sorgen und Beschwerden zu gewinnen. Die Ressource existiert also bereits.

    Tatsächlich aktiviert ist sie aber erst in dem Moment, in dem Eva die Schuhe anzieht, in den Wald geht und vor Ort tiefe Entspannung und Glücksgefühle erlebt. Erst diese Aktivierung befriedigt ihre Grundbedürfnisse und löst die positiven Emotionen aus.

    Das klingt einfach, ist aber aus unterschiedlichsten Gründen – sei es wegen gesundheitlicher Einschränkungen oder aus Zeitmangel – nicht immer direkt machbar. Dann lohnt es sich, eine niederschwellige Alternative zu wählen, die sofort greifbar ist: wie etwa Lesen, Zeichnen, Musik hören, Meditation, Kochen oder Backen.


    Was bringt dir die Ressourcenaktivierung? (Wissenschaftliche Insights)

    Das bewusste Aktivieren deiner Kraftquellen verändert nachweislich deine psychische Gesundheit:

    1. Mehr Handlungsoptionen: Du wirst offener, kreativer und entwickelst eine höhere Veränderungsbereitschaft sowie bessere Problemlösefähigkeiten.
    2. Der positive Rückkoppelungsprozess: Klaus Grawe beschrieb, dass ressourcenorientierte Unterstützung von außen deinen Selbstwert stärkt. Das Gefühl, von anderen geschätzt zu werden, macht dich wiederum aufgeschlossener und zugewandter – deine sozialen Beziehungen festigen sich.
    3. Erfolg in der Therapie und Coaching: Die Coaching-Studien von Behrendt (2012, 2014) zeigen, dass sich ressourcenaktivierende Beratung direkt positiv auf den Gesamterfolg von Veränderungsprozessen auswirkt.

    Unabhängig von Studien bedeutet das für dich ganz persönlich: Durch das Integrieren deiner Ressourcen lebst du gestärkter, glücklicher, ausgeglichener, achtsamer, mutiger und dankbarer.

    Die Hürden im Alltag überwinden

    Warum fällt es uns eigentlich oft so schwer, uns auf das Gute zu besinnen? Häufig stehen uns alte Erziehungsmuster, in der Kindheit verinnerlichte Glaubenssätze oder die unbewusste Überzeugung im Weg, Selbstfürsorge sei reine Zeitverschwendung.

    Der Psychologieprofessor Mihaly Csikszentmihalyi beschreibt in seinem Buch „Lebe gut. Wie Sie das Beste aus Ihrem Leben machen können“ den ersten Schritt zur Besserung:

    • Achtsamkeit im Alltag: Achte genau darauf, was du täglich tust und welche Gefühle bestimmte Tätigkeiten, Orte, Tageszeiten oder Menschen in dir auslösen.
    • Das Eigene finden: Finde heraus, was sich für dich ganz besonders wohltuend und nährend anfühlt.
    • Gegenwärtige Freude spüren: Achte auf Gefühle wie Freude, Gelassenheit, Schwung und Vergnügen. Was lässt dein Herz vor Freude hüpfen?
    • Dankbarkeit praktizieren: Eine regelmäßige Dankbarkeitsroutine vergrößert die Wertschätzung für das Gute in deinem Leben.

    Alle Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, sind ein Privileg, um unser Leben gesünder zu gestalten.

    Fazit: Jeder Tag ist ein neuer Anfang – Beginne noch heute!

    Ressourcenarbeit erinnert uns daran, liebevoll mit uns selbst umzugehen und die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen. Wenn wir lernen, unsere Stärken gezielt einzusetzen, steigt unsere Lebenszufriedenheit, während depressive Verstimmungen nachlassen. Ziel ist es, diese Kraftquellen so fest im Alltag zu verankern, dass wir selbst in Krisen den Blick auf das Positive nicht verlieren.

    „Ganz gleich, wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du im Heute von Neuem beginnen.“

    — Siddharta Gautama


    Impuls: Kennst du deine Ressourcen, deine Kraftquellen? Schreibe sie dir auf einen Zettel, um dich täglich daran zu erinnern, was dir wirklich guttut. Hänge ihn gut sichtbar an den Kühlschrank oder platziere ihn direkt auf deinem Schreibtisch.

    Alles Liebe, Yve



    Quellen und Leseempfehlungen:

    • Deutschlandfunk: Beiträge & Interviews mit Prof. Dr. Ann Elisabeth Anhagen
    • Klaus Grawe & Gerber: Psychotherapieforschung und Ressourcenaktivierung
    • Dr. Miriam Deubner-Böhme & Dr. Uta Deppe-Schmitz: Coaching mit Ressourcenaktivierung
    • Fredrickson, B. L. & Cohn / Joiner: Broaden-and-Build-Theorie der positiven Emotionen
    • David Burns: Kognitive Verhaltenstherapie & Selbstwert
    • Mihaly Csikszentmihalyi: Lebe gut. Wie Sie das Beste aus Ihrem Leben machen können
    • ZHAW: Psychologie im Alltag nutzen
    • Behrendt (2012, 2014): Coaching-Forschung zur Ressourcenaktivierung
  • Schlaflos in München

    Schlaflos in München

    Du schüttelst die Decke ab, weil dir plötzlich heiß wird, dein Herz klopft und der Blick auf das Handy zeigt, dass du schon wieder viel zu früh wach bist. Es ist drei Uhr morgens. Draußen ist es still, alles schläft – nur du liegst wach. Ein Vogel zwitschert. Ist es die Nachtigall?

    Vielleicht kennst du das auch? In den Wechseljahren sind solche Nächte leider keine Seltenheit. Und ganz ehrlich: Es nervt. Es gibt hier nichts schönzureden. Der größte Wunsch ist einfach nur zu schlafen, schlafen, SCHLAFEN! Klingt so einfach, früher war es doch auch möglich. Hinlegen, Augen zu und gemütlich und sanft einschlummern. Das waren noch Zeiten. Wie lange ist das her?

    Häufig versuchen wir dann, das Einschlafen krampfhaft zu erzwingen: noch etwas Hörbuch oder Podcast hören, angestrengt ein paar Seiten lesen oder – denkbar ungünstig – durch Instagram scrollen. Wir drehen uns rastlos von links nach rechts und merken, wie erst Frust und dann Verzweiflung hochkochen. Das Resultat? Das Nervensystem gerät nur noch mehr in den Panikmodus und läuft auf Hochtouren. An Schlaf ist jetzt gar nicht mehr zu denken.

    Hormone und Schlaf

    Schlafstörungen in den Wechseljahren sind oft auf natürliche biologische Veränderungen zurückzuführen. Die Progesteron- und Östrogenspiegel sinken, was unsere innere Temperaturregulation durcheinanderbringt. Auch das Stresshormon Cortisol wird nachts viel schneller ausgeschüttet, was unser Nervensystem vor weitere Herausforderungen stellt. Laut Studien gehörst du damit zu den bis zu 40 Prozent der Frauen ab 35, die unter Schlafstörungen leiden. Die US-amerikanische Gynäkologin Dr. Christiane Northrup beschreibt in ihrem Buch „Weisheit der Wechseljahre“, dass Erschöpfung und Schlafstörungen in dieser Phase des Wandels häufig auch das Ergebnis ungelöster Emotionen wie Angst, Trauer und Wut sind.

    Ein häufiger Grund für Schlaflosigkeit ist das Gefühl, im Alltag ständig die Kontrolle behalten zu müssen. Diese Hyperkontrolle haben wir Frauen uns keineswegs freiwillig ausgesucht. Sie ist die Reaktion auf ein krankes gesellschaftliches System, das uns in vielen Lebensbereichen am Loslassen hindert: Konflikte in der Partnerschaft, Care-Arbeit und die Last der Kindererziehung samt Mutter-Schuldgefühlen, Wissenslücken in der Frauenmedizin und finanzielle Benachteiligung im Job – um nur einige Beispiele zu nennen.

    Was kannst du tun, um den Druck herauszunehmen?

    Wenn du das nächste Mal um drei Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen wirst, darfst du deine Erwartungshaltung ganz bewusst herunterschrauben:

    • Raus aus dem Bett bei Hitzewallungen: Bleibe nicht im Bett liegen, wenn dich Schweißausbrüche am Wiedereinschlafen hindern. Steh kurz auf, öffne das Fenster und atme tief die kühle Nachtluft ein. Auch ein Schluck kaltes Wasser oder kühlendes Wasser über den Handgelenken wirkt oft Wunder. Sollten die Beschwerden stärker sein, können – in Rücksprache mit einer Ärztin oder Heilpraktikerin – eine natürliche Progesteroncreme, die bioidentische Hormonersatztherapie, Melatonin oder pflanzliche Mittel helfen.
    • Tiefenentspannung üben: Den Schlaf können wir nachts nicht erzwingen – wir können aber lernen, tief zu entspannen. Ob Meditation, Yoga Nidra, Qigong, Atemübungen, oder Jin Shin Jyutsu (japanisches Heilströmen): Bereits tagsüber können wir Körper, Geist und Nervensystem darauf ausrichten, wieder loszulassen und zu vertrauen. So stimmen wir uns Schritt für Schritt auf einen erholsamen Schlaf ein. Das braucht etwas Geduld und regelmäßige Praxis, lohnt sich aber wirklich.
    • Gedankenkreisen unterbrechen: Wenn die Gedanken gar nicht aufhören wollen zu kreisen, nimm dir ein Blatt Papier und schreibe alles auf, was sich gerade zeigt. Alle Emotionen, wie Ängste, Sorgen, Wut, Trauer kannst du auf diese Weise loslassen. Ein Ventil, um dich von allem Ballast zu befreien.
    • Dein Tag beeinflusst deinen Schlaf: Da Koffein von Frauen langsamer abgebaut und verstoffwechselt wird, raten Expert:innen bei Schlafstörungen generell von Kaffeekonsum ab. Intensiver Sport wie Joggen oder Workouts gehört idealerweise in den Vor- oder Nachmittag – für den Abend eignen sich sanftes Yoga, Dehnen oder Entspannungsübungen. Vermeide, wenn möglich, auch emotional anstrengende Gespräche und Telefonate am Abend. Sie führen zur Ausschüttung der Stresshormone Cortisol und Adrenalin, was uns am Abschalten und Zur-Ruhe-Kommen hindert.
    • Nimm den Druck raus: Wer unbedingt schlafen muss, hält sich selbst wach. Hör auf, den Schlaf wie ein Projekt zu behandeln, das funktionieren muss. Auch Ruhen, Liegen und Stille schenken deinem Körper Kraft. Ersetze den Gedanken „Ich muss jetzt schlafen“ durch „Ich darf mich jetzt einfach ausruhen“ – das nimmt den Druck raus und holt dein Nervensystem aus dem Alarmmodus.

    Jede Phase geht vorbei

    Die Wechseljahre sind für viele Frauen eine große Herausforderung – körperlich wie emotional. Es gibt Tage, an denen es super läuft, und Nächte, in denen man eben wach liegt. Das gehört für die allermeisten, zumindest phasenweise, dazu. Erinnere dich daran: Dein Körper leistet in dieser Phase des Wandels Unglaubliches. Er ist immer für dich – niemals gegen dich – und sendet dir wertvolle Signale. Wenn du ihm zuhörst, deine Grenzen spürst, dir mehr Pausen erlaubst und bewusste Auszeiten nimmst, schenkst du deinem Nervensystem die nötige Ruhe. Und genau das hilft dir, abends wieder abzuschalten und durchzuatmen.

    Wenn du das nächste Mal wach liegst, während alle anderen schlafen: Atme tief und lange aus. Nimm den Optimierungsdruck raus und spüre in dich hinein. Welche Signale sendet dir dein Körper? Sprich mit ihm, wenn es sich für dich gut anfühlt. Auch sanfte Affirmationen können helfen, den Druck abzubauen, dein Nervensystem zu beruhigen und dir wieder ein Gefühl von Sicherheit zu schenken.

    Affirmationen zum Schluss:

    „Liebevoll lasse ich den Tag hinter mir und gleite in friedlichen Schlaf mit dem Wissen, dass der morgige Tag für sich selbst sorgen wird.“

    „Meine Welt ist sicher und freundlich.“

    „Ich liebe und akzeptiere mich und traue dem Prozess des Lebens. Ich bin in Sicherheit.“


    Ich wünsche dir eine erholsame und gute Nacht!

    Yve



    Quellen und Leseempfehlungen:


    Hay, Louise: Heile deinen Körper. Seelisch-geistige Gründe für körperliche Krankheit. Arkana Verlag.

    Northrup, Dr. med. Christiane: Weisheit der Wechseljahre. Selbstheilung, Veränderung und Neuanfang in der zweiten Lebenshälfte. Zabert Sandmann Verlag

    Northrup, Dr. med. Christiane: Frauenkörper, Frauenweisheit. Wie Frauen körperliche und seelische Gesundheit erlangen können. Zabert Sandmann Verlag.

    Bild: kaboompics

  • Wie spirituell bist du? Spoiler: Viel mehr, als du denkst!

    Wie spirituell bist du? Spoiler: Viel mehr, als du denkst!

    Wenn du das Wort „Spiritualität“ hörst – woran denkst du da zuerst? An Menschen, die im Schneidersitz meditieren oder kniend beten? An Frauen in weißen, weiten Leinenkleidern, mit Kristallketten um den Hals? An Räucherstäbchen oder Heilsteine, die im Mondlicht aufgeladen werden müssen?

    Lange Zeit dachte ich selbst, dass man Spiritualität nur mit Disziplin und noch mehr Meditation erreichen kann. Der Buddhismus spielt seit meiner Jugend eine wichtige Rolle in meinem Leben und tatsächlich haben mich die buddhistische Philosophie und Meditation durch manch dunkle Stunde getragen. Doch je mehr ich im Einklang mit mir selbst, meinem Nervensystem und meiner Berufung lebe, desto klarer wird mir: Spiritualität finden wir vor allem in den kleinen Momenten – wie beispielsweise in der tiefen Verbindung mit der Natur, in der Stille, in ehrlichen Gesprächen sowie im Zusammensein mit Tieren – und in meinem Fall auch im Tierschutz.

    Spiritualität braucht keine Perfektion und keinen Druck.

    Die Magie der leisen Momente

    Verbindung ist die Essenz der Spiritualität. Wir stehen dabei nicht nur in Verbindung mit unserem wahren Selbst – mit dem, wer wir wirklich sind –, sondern gleichzeitig und oft ganz unbewusst mit allem, was uns umgibt. Vielleicht fühlst du dich besonders wohl, wenn du unter einem alten, großen Baum Platz nimmst? Oder wenn du ein bestimmtes Lied hörst? Vielleicht spürst du auch eine tiefe Liebe zu den Menschen und Tieren, die dir besonders nahestehen – oder du liebst es einfach zu tanzen, ganz für dich, in deinem eigenen Rhythmus, und alles um dich herum komplett zu vergessen. All das ist Spiritualität.

    Du musst nicht dein ganzes Leben verändern, um spirituell zu sein. Vermutlich bist du es schon längst, ohne es bewusst gewählt zu haben.

    Möchtest du wieder mehr von diesen bewussten Momenten der Verbindung in deinen Alltag integrieren? Hier sind vier einfache Inspirationen, wie du gelebte Spiritualität ganz ungezwungen in dein Leben einladen kannst:

    1. Achtsamer Waldspaziergang: Nimm den Duft von feuchter Erde wahr, setze jeden Schritt ganz bewusst auf den weichen Waldboden, lausche dem Rauschen der Blätter im sanften Wind und werde dir bewusst, dass du ein Teil dieser wunderschönen Erde bist.

    2. Bewusste Atemzüge: Schließe deine Augen und lege eine Hand auf dein Herz, die andere auf deinen Bauch. Atme tief durch die Nase ein und sanft durch den Mund wieder aus. Nimm wahr, wie du mit jedem Atemzug ein bisschen weicher wirst.

    3. Echte Dankbarkeit: Lege beide Hände auf dein Herz und spüre in Gedanken mindestens drei Dingen nach, für die du jetzt von ganzem Herzen dankbar bist. Das können Dinge sein wie: Ich bin dankbar für meinen Körper. Ich bin dankbar für die geliebten Menschen und Tiere in meinem Leben. Ich bin dankbar für mein sicheres Zuhause.

    4. Reine Stille: Nichts tun, nichts anhören, nicht sprechen, nicht lesen – einfach nur das Hier und Jetzt wahrnehmen. Zehn Minuten bewusste Stille sind für dein Nervensystem wie ein kleiner Urlaub – sie verbinden dich mit dir selbst, deiner inneren Stimme und deinem Herzen.
    Das alles ist gelebte Spiritualität.


    Der Blick nach innen

    Wenn wir den Kontakt zu uns selbst verlieren, können wir uns auch nur schwer in unser Gegenüber hineinfühlen. Wir verlieren die Verbindung.

    Spiritualität ist die Einladung, den Blick wieder nach innen zu richten und sich seiner selbst bewusst zu werden – mit allem, was uns ausmacht. Auch alte Verletzungen, Ängste, Wut und Trauer dürfen da sein und finden ihren Platz. Wir verleugnen unsere Emotionen nicht mehr. Im Gegenteil: Wir erkennen unseren alten Schmerz, ja sogar den Ur-Schmerz an, und schauen ganz genau hin, was dahinter liegt. Öffne dein Herz für dich selbst und verstehe, dass es nicht darauf ankommt, immer ein glückliches und perfektes Leben zu führen – es geht vielmehr darum, wie wir mit den Herausforderungen des Lebens umgehen.

    Es heißt nicht, die Realität zu ignorieren und alles nur positiv zu sehen. Im Gegenteil: Wahre Spiritualität bedeutet anzunehmen, dass wir in einer Welt der Polarität leben – in der es Licht und Schatten gibt, Yin und Yang, das „Gute“ und das „Böse“. Alles existiert. Auch in uns selbst.

    Dein ganz persönlicher Weg

    Es gibt kein „Richtig“ oder „Falsch“. Deine Spiritualität ist so individuell wie du selbst.

    Sei neugierig, was dich auf der Reise zu dir selbst erwartet. Es ist ein wundervolles Abenteuer – und ja, es werden dir kleine und ganz große Steine in den Weg gelegt werden. Du hast die Wahl: Bleibst du stehen und kapitulierst? Oder gehst du mutig einen kleinen Umweg um die Steine herum und folgst weiter deinem Herzen?

    Spüre jetzt einmal für dich nach: In welchen Momenten fühlst du diese magische Verbindung zu dir selbst am stärksten? Wann wird es in dir ganz still und friedlich?

    Schnapp dir am besten gleich ein Blatt Papier oder dein Journal und einen Stift. Nimm dir ein paar Minuten Zeit und schreibe all das auf, was dir ganz intuitiv zu den Fragen und zu deiner persönlichen Spiritualität einfällt.

    Hat dir dieser Impuls gutgetan? Dann teile deine Gedanken dazu in den Kommentaren – ich freue mich so sehr auf den Austausch mit dir!



    Liebe Grüße,

    Yve

  • Minimalismus: Wie weniger im Außen für mehr Ruhe im Innen sorgt

    Minimalismus: Wie weniger im Außen für mehr Ruhe im Innen sorgt

    Dein Schrank platzt aus allen Nähten – und trotzdem hast du nichts zum Anziehen? Du willst im Laden nur schnell zwei Dinge besorgen und gehst am Ende mit vollen Einkaufstüten nach Hause? Dieses Gefühl kenne ich selbst nur zu gut. Aus Angst, etwas zu verpassen, abonnieren wir unzählige Newsletter, folgen immer mehr Kanälen auf Social Media und saugen permanent Informationen auf. Unser Gehirn läuft auf Hochtouren. Kein Wunder, dass sich viele von uns erschöpft, gestresst und innerlich unruhig fühlen. Und das kurze Glücksgefühl nach dem Shoppen verpufft oft schneller, als wir denken.

    Wenn wir das Wort Minimalismus hören, denken viele zuerst an weiß-beige, leere Räume oder eine Capsule Wardrobe – also an wenige, ausgewählte Kleidungsstücke nach dem radikalen Ausmisten des Schrankes. Doch Minimalismus ist weit mehr als nur ein Wohntrend oder eine Ästhetik, die von Influencern geprägt wird. Er kann unsere mentale Gesundheit tatsächlich fördern.

    Denn äußerer Ballast ist meist auch innerer Ballast.

    Zu viel „Zeug“ erschöpft uns mental

    Unser Nervensystem liebt Ordnung. Hat jeder Gegenstand in deiner Wohnung seinen festen Platz? Oder suchst du immer wieder deine Schlüssel, dein Portemonnaie oder dein Haarband in einem Haufen von Dingen, die einfach so herumliegen? Jedes einzelne unaufgeräumte Teil, jede unerledigte Aufgabe auf dem Schreibtisch sowie jede ungelesene Benachrichtigung auf dem Smartphone versetzen dich in einen latenten emotionalen Stresszustand.

    Die Wissenschaft nennt das „Visual Clutter“, also visuelles Chaos. In einer bekannten Langzeitstudie der University of California (UCLA) wurde das Alltagsleben von Familien und deren Cortisolspiegel untersucht. Das Ergebnis bestätigt: Bei Frauen, die ihr Zuhause als chaotisch oder unordentlich wahrnahmen, wurden den gesamten Tag über erhöhte Cortisolwerte gemessen. Erst wenn die Unordnung beseitigt und die Anzahl der Dinge reduziert wird, können die Stresshormone im Körper wieder sinken. Zu viele Reize in unserer Umgebung überfordern demnach unser Gehirn und verhindern innere Ruhe und echte Entspannung.

    Minimalismus bedeutet aber nicht, zukünftig gar nichts mehr kaufen zu dürfen oder Dinge achtlos wegzuwerfen. Im Gegenteil: Beim Minimalismus geht es um den achtsamen Umgang und die Wertschätzung der Dinge, die wir bereits besitzen. Es geht darum, bewusst zu reduzieren, ohne einen Monat später das Aussortierte gleich wieder neu zu kaufen.

    Meine Begeisterung für den Minimalismus begann vor genau zehn Jahren, als ich Marie Kondo und ihr KonMari-Prinzip entdeckte. Ihr Buch „Magic Cleaning“ begeisterte nicht nur mich, sondern auch meinen Mann. Noch im selben Monat begannen wir, die gesamte Wohnung und den Keller auf den Kopf zu stellen und zu entrümpeln. Wir fühlten uns danach wirklich befreit und happy. Aktuell bin ich wieder an einem Punkt, an dem ich eine neue Ausmist- und Entrümpelungsrunde plane. Und dieses Mal hat mein Mann den ersten Schritt gemacht und unser Kellerabteil bereits um die Hälfte erleichtert. 🙂

    Wie wirkt sich Minimalismus auf deine mentale Gesundheit aus?

    Wie schon erwähnt, wirkt sich der materielle Minimalismus laut Studien (UCLA und McMains u. Kastner, Princeton Neuroscience Institute 2011) positiv auf dein Stresslevel aus. Ich möchte dir noch weitere Bereiche vorstellen. Hier ein kleiner Überblick :

    1. Der materielle Minimalismus

    Dein Zuhause sollte ein Ort der Entspannung und Sicherheit sein – kein Ort, an dem dein Nervensystem wegen zu hoher Cortisolwerte verrückt spielt. Wenn du beginnst, dich von Dingen zu trennen, die du nicht mehr brauchst oder liebst, passiert etwas Magisches: du befreist dich Stück für Stück von einer Last, die dir lange Zeit nicht bewusst war. Du fühlst dich befreit und leichter.

    • Der Benefit: Weniger Entscheidungen treffen müssen, weniger Zeitaufwand fürs Aufräumen – mehr Zeit für die wichtigen Dinge, wie Pausen machen, kreativ sein, Zeit mit den Liebsten.

    2. Der digitale Minimalismus

    Hand aufs Herz: Wie oft hattest du heute schon dein Smartphone in der Hand? Wir scrollen durch das Leben anderer, in Momenten, in denen wir eigentlich eine Atempause von der Hektik des Alltags bräuchten – und spüren dabei gar nicht, dass unser Nervensystem damit völlig überfordert ist. Digitaler Minimalismus bedeutet, bewusste Grenzen zu setzen. Lösche Apps, die dir Lebenszeit und Energie rauben. Schalte Push-Benachrichtigungen stumm. Und lege dein Handy täglich für mehrere Stunden ganz bewusst in eine Schublade.

    • Der Benefit: Deine Konzentration nimmt zu, weil du dich nicht mehr ständig ablenken lässt. Dein Nervensystem kann sich regulieren, da es nicht mehr permanent mit Reizen geflutet wird. Ängste werden reduziert und auch das Gefühl, etwas zu verpassen – das Phänomen FOMO (Fear of missing out) – lässt spürbar nach.

    3. Der mentale Minimalismus

    Wie oft hast du in letzter Zeit „Ja” gesagt, obwohl du lieber „Nein” gesagt hättest? Wie oft vereinbarst du Termine, obwohl du energetisch schon am Ende bist? Und wie viele Beziehungen pflegst du nur, um niemanden zu enttäuschen? Es geht um das Thema Grenzen setzen. Sind deine eigenen Bedürfnisse wichtig für dich oder möchtest du vor allem für andere funktionieren? Ein „Nein“ zu einem Termin, der dich eigentlich nur anstrengt, ist ein liebevolles „Ja“ zu dir selbst.

    • Der Benefit: Du schützt dich aktiv vor mentaler Erschöpfung und Burnout. Indem du Grenzen setzt, gewinnst du innere Ruhe, Leichtigkeit und mehr Lebensfreude. Du erkennst, dass deine mentale Gesundheit Vorrang hat – du musst niemandem gefallen.

    Beginne gleich heute: Drei kleine Schritte

    Minimalismus ist kein Projekt, das du an einem Wochenende perfekt abschließen musst. Meine erste Minimalismus-Reise hat übrigens insgesamt fast sechs Monate gedauert. Es ist ein fortlaufender Prozess, der mit ganz kleinen, liebevollen Schritten beginnt:

    • Die Schublade: Miste heute für nur fünf Minuten eine einzige Schublade aus. Sortiere die Dinge dabei in drei klare Kategorien: „Müll“, „Wertstoffhof/Recycling“ und „Behalten“. Wie fühlt es sich an, in so kurzer Zeit Ordnung geschaffen zu haben?
      Tipp:  Sammle Sachen für den Wertstoffhof oder Dinge, die du spenden möchtest, am besten direkt in Extrakisten im Keller oder Abstellraum. Du kannst sie nach und nach befüllen und gesammelt wegbringen, wenn sie voll sind.
    • Der bildschirmfreie Morgen: Beginne deinen Tag nicht mit deinem Smartphone. Atme bewusst, höre deine Lieblingsmusik, trinke deinen Tee oder Kaffee, schaue aus dem Fenster, dehne und strecke dich. Schenke deinem Körper und Geist 30 Minuten, um langsam im neuen Tag anzukommen.
    • Die „Not-To-Do-Liste“: Was möchtest du in dieser Woche nicht tun? Schreibe drei Dinge auf, wie etwa nichts Neues kaufen, das Smartphone morgens nach dem Aufwachen nicht in die Hand nehmen, oder möchtest du einen Termin absagen? Du entscheidest nur für dich, du hast die Wahl.

    Fazit: Lass los, was dich beschwert – und schenke dir Raum für mehr Leichtigkeit im Leben

    Minimalismus schenkt dir die Möglichkeit, dich wieder mit dir selbst zu verbinden – mit dem, was wirklich wichtig ist. Ganz ohne die Ablenkung von außen. Während du aussortierst und reduzierst, übst du dich gleichzeitig darin, mentalen Ballast loszulassen.

    Beginne am besten gleich heute mit der ersten Schublade. Deine mentale Gesundheit wird es dir danken.

    Ich freue mich über deine Erfahrungen! Teile sie gerne in den Kommentaren.


    Alles Liebe, Yve




    Quellen & Buchtipp aus diesem Artikel:

    Hier findest du die Studien und das Buch, auf die ich mich im Artikel beziehe:

    Die Princeton-Studie (Visuelles Chaos im Gehirn): McMains, S., & Kastner, S. (2011): Interactions of Top-Down and Bottom-Up Mechanisms in Human Visual Cortex. In: The Journal of Neuroscience, 31(2), 581–597.

    Der Klassiker zum Einstieg: Kondo, Marie (2013): Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert. Rowohlt Taschenbuch Verlag.

    Die UCLA-Studie (Cortisol & Unordnung): Arnold, J. E., Graesch, A. P., Ragazzini, E., & Ochs, E. (2012): Life at Home in the Twenty-First Century. Center on Everyday Lives of Families (CELF) an der University of California, Los Angeles.

  • Ein chronisch dysreguliertes Nervensystem? Warum „Urlaub machen“ bei innerer Unruhe nicht hilft

    Ein chronisch dysreguliertes Nervensystem? Warum „Urlaub machen“ bei innerer Unruhe nicht hilft

    Als ich vor mittlerweile über 20 Jahren meine eigene bewusste Heilreise begann, stieß ich in Büchern, durch eine Traumatherapie und auch in meinem persönlichen Umfeld immer wieder auf ein Thema: das Nervensystem.

    Ehrlich gesagt: Damals konnte ich den Zusammenhang zwischen Körper und Geist noch nicht vollständig begreifen. Den Begriff „Psychosomatik“ kannte ich natürlich. Aber dass ich aktiv auf mein Nervensystem einwirken kann? Das erzählte mir niemand.

    Stattdessen bekam ich von meiner Hausärztin Ratschläge wie: „Nehmen Sie sich mal eine Auszeit, fahren Sie in den Urlaub.“ Oder: „Machen Sie sich doch einfach etwas weniger Sorgen.“

    Ach, wenn es doch so einfach wäre! Wie du sicher auch schon selbst festgestellt hast, ist es mit solchen Ratschlägen nicht getan. Das Problem sitzt viel tiefer. Damals gab es kaum Informationen darüber, wie eng unsere mentale und körperliche Gesundheit mit einem dysregulierten Nervensystem verbunden sind. Heute wissen wir zum Glück mehr – und vielleicht hast auch du schon selbst erkannt, welch entscheidenden Einfluss ein reguliertes Nervensystem auf dein Wohlbefinden hat.

    Das Nervensystem: Ein faszinierendes Alarmsystem

    Das Nervensystem ist ein komplexes Universum aus Milliarden von Nervenzellen, das fortlaufend von der Wissenschaft erforscht wird. Leider wird diesem Thema in den meisten Arztpraxen nach wie vor viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.

    Eine der wichtigsten Funktionen deines Nervensystems ist es, dich vor Gefahren zu schützen. Die Zellen reagieren blitzschnell auf Sinnesreize, verarbeiten sie und lösen Reaktionen aus. Das passiert ganz automatisch, ohne dass wir bewusst darüber nachdenken müssen – dank unseres hoch entwickelten, inneren Alarmsystems.

    Stell dir vor, du berührst versehentlich eine heiße Herdplatte: Noch bevor du den Schmerz überhaupt bewusst wahrnimmst oder denken kannst „Aua, heiß!“, hat dein Nervensystem deine Hand schon reflexartig zurückgezogen.

    Doch hier kommt der entscheidende Punkt: Unser Nervensystem unterscheidet nicht zwischen der heißen Herdplatte und unserem emotionalen Erleben. Alle unsere Handlungen, Gefühle, Kindheitserfahrungen, Nachrichten und Gespräche beeinflussen dieses System. Und neben der Gefahrenabwehr reguliert das autonome Nervensystem eben auch dein Immunsystem, deine Atmung, die Herzfrequenz, die Körpertemperatur, die Verdauung und deine Hormone.

    Wenn der Körper unter Dauerstrom steht: Die Fawn-Response & Hypervigilanz

    Es gibt Zustände des Nervensystems, die erst seit kurzer Zeit mehr Aufmerksamkeit bekommen, die aber rückblickend mein Leben über lange Zeit massiv beeinflusst haben.

    1. Die Fawn-Response (Unterwerfungsreaktion)

    Ausgelöst durch belastende Erlebnisse oder eine fehlende Co-Regulation (die liebevolle emotionale Begleitung durch Bezugspersonen) in der Kindheit, entwickeln viele Menschen eine sogenannte Fawn-Response. Betroffene vernachlässigen oft ihre eigenen Bedürfnisse, um dem Gegenüber zu gefallen und Konflikte zu vermeiden. Man nennt es auch „People Pleasing“.

    Es fällt unglaublich schwer, eigene Grenzen überhaupt wahrzunehmen. Die Folge? Chronische Überforderung, schnelle Erschöpfung und ein Gefühl der Energielosigkeit. Dieses dringende Bedürfnis nach Harmonie hat auch mich in den ersten Jahrzehnten meines Lebens intensiv begleitet.

    2. Hypervigilanz (Ständige Alarmbereitschaft)

    Bist du besonders schreckhaft? Leidest du unter innerer Unruhe bei Lärm, wenn die Tür zufällt oder lauten Stimmen? Bei der Hypervigilanz ist dein Nervensystem in ständiger Alarmbereitschaft. Es scannt permanent die Umgebung ab, um abzuwägen, ob Gefahr droht.

    Vielleicht kennst du das: Du sitzt eigentlich entspannt auf dem Sofa, und plötzlich schießt Angst oder Unwohlsein in dir hoch. Schon ein einziger Gedanke an einen bevorstehenden Termin reicht aus, um den Alarm auszulösen. Dein Körper erinnert sich an alte, belastende Situationen und will dich um jeden Preis beschützen.

    In solchen Momenten schüttet der Körper Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol aus. Dein Herz rast, deine Atmung wird flacher – und das, obwohl du gemütlich auf dem Sofa unter deiner Kuscheldecke liegst.

    Bitte sei in solchen Momenten besonders liebevoll mit dir: Du bist weder falsch noch allein mit dem, was du fühlst. Dein Körper tut in diesem Moment genau das, was er gelernt hat – er reagiert auf tief abgespeicherte Erinnerungen. Es melden sich Anteile in dir, die noch nach Sicherheit suchen.

    Symptome: Wie sich ein chronisch dysreguliertes Nervensystem äußert

    Wenn das Nervensystem langfristig überreizt ist, kann sich das in einer Vielzahl von mentalen und körperlichen Symptomen zeigen:

    • Herzrasen und Herzklopfen
    • Schlafstörungen, bleierne Müdigkeit und Erschöpfung
    • Ängste, innere Unruhe und Konzentrationsprobleme
    • Druck auf der Brust oder Atemnot (Überatmung)
    • Verdauungsstörungen, Übelkeit und Kopfschmerzen
    • Muskelverspannungen und Aufgewühltheit
    • Fehlende Lebensfreude und das Gefühl, nicht genug oder richtig zu sein

    Langfristig erhöht dieser Dauerstress das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Magen-Darm-Beschwerden, ein geschwächtes Immunsystem sowie psychische Erkrankungen wie Panikattacken, Burnout oder Depressionen.


    „Du bist nicht dein Trauma!“ – Alfred Adler

    Erste Hilfe: Wie du dein Nervensystem regulieren kannst

    Was kannst du also tun, um deinem überreizten Nervensystem die Sicherheit zu geben, das es so dringend braucht?

    In meinen Kursen, Einzelstunden und im Austausch mit betroffenen Menschen haben sich bestimmte Tools als besonders wirksam erwiesen. Auch für mein eigenes, sensibles Nervensystem haben sie einen spürbaren Unterschied gemacht. Probier aus, was sich für dich gut anfühlt:

    Konsum überdenken: Es kann unglaublich entlastend sein, den Konsum von Social Media, Fernsehen, Kaffee und Zucker langfristig zu reduzieren.

    Regelmäßige Entspannungsübungen: Praktiken wie Qigong, Yoga Nidra, Yin Yoga, Meditation, japanisches Heilströmen oder gezielte Atemübungen, wie die tiefe Bauchatmung, helfen langfristig und auch im Notfall. Auch regelmäßige Bewegung und Zeit in der Natur bewirken Wunder.

    Achtsamkeitsübungen im Alltag: Gestalte eine feste Morgen- und Abendroutine. Versuche, alltägliche Handlungen wie Essen, Zähne putzen oder Wäsche zusammenlegen ganz bewusst und langsam durchzuführen.

    Selbstfürsorge: Gönne dir ganz bewusst Pausen. Ein warmes Fußbad, eine ruhige Teepause, Zeit für Kunst und Kreativität sowie gesunder Schlaf helfen dem Körper beim Herunterfahren.

    Heilsame Verbindungen: Der regelmäßige, ehrliche und vertrauensvolle Kontakt zu Familie, Freund:innen und zu Tieren spendet dem Nervensystem das Gefühl von Sicherheit.


    Du musst diesen Weg nicht alleine gehen

    Auch wenn diese Übungen und Verhaltensänderungen deine Gesundheit positiv beeinflussen werden, kann es sein, dass alte Gefühle und Muster aus der Kindheit oder ungesunde Beziehungen dein Nervensystem weiterhin stark belasten.

    Wenn du merkst, dass du alleine nicht weiterkommst, ist das absolut in Ordnung. In diesem Fall kann es unglaublich wertvoll sein, die Unterstützung einer Psychologin oder einer auf Trauma spezialisierten Therapeutin oder Trainerin in Anspruch zu nehmen. Gemeinsam könnt ihr negative Verhaltensmuster aufdecken und Schritt für Schritt loslassen.

    Vergiss nie: Deine Reise zu mehr innerer Sicherheit braucht Zeit – und du bist nicht allein auf diesem Weg. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass bereits der Weg dorthin eine wundervolle Reise zu dir selbst sein kann. Ja, es darf herausfordernd sein und es darf auch mal weh tun. Doch die Erkenntnisse, die du daraus gewinnen wirst, sind unbezahlbar.


    FAQ: Häufig gestellte Fragen zum dysregulierten Nervensystem

    Was ist ein chronisch dysreguliertes Nervensystem?

    Ein chronisch dysreguliertes Nervensystem befindet sich in einem dauerhaften Alarmzustand, ohne dass eine reale, akute Gefahr vorliegt. Ausgelöst durch anhaltenden Stress, ungelöste Traumata oder emotionale Belastungen in der Kindheit, verliert der Körper die Fähigkeit, sich nach Stressphasen wieder eigenständig in den Zustand der Sicherheit und Ruhe zu regulieren.

    Was sind typische Symptome eines dysregulierten Nervensystems?

    Die Symptome können sowohl körperlicher als auch mentaler Natur sein. Häufige Anzeichen sind chronische Erschöpfung, innere Unruhe, Herzrasen, Schlafstörungen, Verdauungsbeschwerden, Muskelverspannungen und erhöhte Schreckhaftigkeit (Hypervigilanz). Auf psychischer Ebene äußert es sich oft durch Ängste, emotionale Taubheit, Konzentrationsprobleme oder durch das schon bekannte People Pleasing (Fawn-Response).

    Was ist die Fawn-Response – die Unterwerfungsreaktion?

    Die Fawn-Response ist eine biologische Überlebensstrategie des Nervensystems, die meist auf Kindheitserfahrungen zurückgeht. Statt mit Kampf (Fight) oder Flucht (Flight) zu reagieren, versuchen Betroffene, Gefahren und Konflikte abzuwenden, indem sie sich anpassen, die eigenen Bedürfnisse ignorieren und es anderen Menschen um jeden Preis recht machen wollen. Im Alltag zeigt sich dies oft als chronisches People Pleasing.

    Warum hilft Urlaub nicht bei einem dysregulierten Nervensystem?

    Eine kurze Auszeit oder ein Urlaub bekämpfen oft nur die oberflächlichen Symptome, ändern jedoch nichts an den tief sitzenden, im Körper gespeicherten Mustern und Erinnerungen. Da ein dysreguliertes Nervensystem Gefahr wittert, obwohl man „entspannt auf dem Sofa sitzt“, braucht es kontinuierliche, alltägliche Routinen und oft auch traumatherapeutische Begleitung, um dem Körper langfristig wieder echte Sicherheit zu vermitteln.

    Sei geduldig mit dir und deinem Körper; jeder noch so kleine Schritt zurück in die Sicherheit zählt.

    Alles Liebe,

    Yve




    Quellen und weiterführende Literaturempfehlungen:

    Wenn du tiefer in die neurobiologischen Zusammenhänge von Trauma, Stress und Nervensystemregulation eintauchen möchtest, empfehle ich dir diese Standardwerke der modernen Traumaforschung:

    Maté, Gabor (2023): Vom Mythos des Normalen: Trauma, Krankheit und Heilung in einer toxischen Kultur.(Original: The Myth of Normal).

    Van der Kolk, Bessel (2015): Verkörperter Schrecken: Wie Trauma in Körper, Geist und Gehirn heilt und wie wir wieder ganz werden. (Original: The Body Keeps the Score).

    Maté, Gabor (2004): Wenn der Körper Nein sagt: Wie verborgener Stress krank macht und wie wir gesund werden.(Original: When the Body Says No).

    Foto: Nuta Sorokina

  • Mini-Auszeit: Finde Ruhe mit der Nierenatmung

    Mini-Auszeit: Finde Ruhe mit der Nierenatmung

    Kennst du diese Tage, an denen die Gedanken rasen, das Herz wie wild schlägt und der Körper einfach nicht zur Ruhe kommt? Gerade wenn sich emotional und hormonell viel verändert, tut eine kleine Pause unheimlich gut. Eine meiner absoluten Lieblingsübungen dafür ist die Nierenatmung.

    Sie beruhigt dein Nervensystem, entspannt den unteren Rücken und stärkt deine Nierenenergie (in der TCM auch Jing genannt). Deine Nierenenergie ist das Fundament für deine Vitalität und Lebensenergie – gleichzeitig schenkt sie dir tiefe innere Gelassenheit und macht dich im Alltag spürbar resilienter.

    Nimm dir einfach ein paar Minuten Zeit, mach es dir gemütlich und probiere es direkt aus:

    Schritt-für-Schritt-Anleitung

    Lege deine Hände entspannt auf den Bauch, schließe sanft die Augen und atme ganz weich durch die Nase ein und aus. Lass deinen Atem nun Schritt für Schritt weiterwandern:

    • In den Bauch: Atme für mehrere Atemzüge tief und gleichzeitig sanft in deinen Bauch hinein. Spüre, wie sich deine Bauchdecke hebt und senkt.
    • In die Flanken: Wandere mit deiner Aufmerksamkeit weiter nach außen. Lass den Atem für einige Züge in deine Körperseiten fließen.
    • In den unteren Rücken: Lenke den Atem nun nach hinten. Schicke die Luft ganz bewusst in den unteren Rücken, um dort Raum und Weite zu schaffen.
    • In deine Nieren: Lass den Atem schließlich in deine Nieren fließen. Stell dir vor, wie sie sich mit jeder Einatmung sanft ausdehnen und mit der Ausatmung wieder entspannt kleiner werden.

    Mein Tipp für dich: Du kannst deine Hände im Alltag einfach immer genau auf den Bereich legen, in den du gerade hineinfatmen möchtest. Das hilft deinem Körper, den Atem leichter zu spüren und den Fokus dorthin zu lenken.



    Warum dir diese Übung so gut tut

    Schon nach wenigen Minuten wirst du merken, wie sich etwas verändert. Diese einfache Atemübung schenkt dir sofort wohlige Wärme, tiefe Ruhe und ein Gefühl von innerer Sicherheit. Ein perfekter Anker für jeden Tag!

    Viel Freude und Entspannung von Herzen.

    Yve


    P.S. Eine weitere einfache Atemübung findest du hier.


    Foto: Karola G./Pexels

  • Worte, die verändern: Wie wirksam sind Affirmationen wirklich?

    Worte, die verändern: Wie wirksam sind Affirmationen wirklich?

    „Ich kann das nicht.“ „Ich bin nicht gut genug.“ „Alles ist gerade so anstrengend.“ Hand aufs Herz: Wie oft ertappst du dich bei solchen Sätzen? Oder fällt es dir vielleicht schon gar nicht mehr auf? Diese Form des Selftalks läuft meist auf Autopilot, also ganz unbewusst – und ist leider viel zu häufig gegen uns selbst gerichtet. Doch genau hier können wir mit positiven und wohlwollenden Affirmationen gegensteuern. Sie sind viel mehr als nur spirituelles „Schöngerede“: Affirmationen sind ein wundervolles Tool, um unser Gehirn auf Ruhe, Selbstliebe und sogar Heilung zu programmieren.

    Was genau sind Affirmationen?

    Eine Affirmation ist ein positiv formulierter Satz – abgeleitet vom lateinischen Wort für „Bejahung“ – den wir laut oder gedanklich wiederholen, um tief sitzende, negative Überzeugungen über uns selbst bewusst aufzulösen. Die bekannte US-amerikanische Bestsellerautorin Louise Hay erklärte schon vor Jahrzehnten, dass die bewusste Wahl unserer Worte nicht nur unsere mentale, sondern auch unsere körperliche Gesundheit maßgeblich positiv beeinflussen kann.


    Die Wissenschaft dahinter: Neuroplastizität

    Dass Affirmationen helfen, gehört schon lange nicht mehr nur in die Welt der Spiritualität oder Esoterik. Die Neurowissenschaft erklärt dies mit dem Prinzip der Neuroplastizität. Bis ins hohe Alter kann sich unser Gehirn verändern und bleibt lern- sowie wandlungsfähig. So hat jeder Gedanke, jedes Wort, das wir regelmäßig wiederholen, Auswirkungen auf unsere Lebensqualität. Man spricht hierbei von neuronalen Autobahnen, die sich aufgrund von Wiederholungen bilden.

    Wenn du heute beginnst, täglich einen neuen, positiven Satz zu wiederholen, baut das Gehirn eine neue neuronale Autobahn. Nach einer gewissen Zeit – meist ca. drei bis vier Wochen, wenn die Affirmation emotional stark aufgeladen ist – verändert sich dadurch nicht nur deine Wahrnehmung, sondern nachweislich auch dein Stresslevel. Der Cortisolspiegel sinkt und du fühlst dich gelassener sowie in herausfordernden Phasen resilienter – also widerstands- und handlungsfähiger.

    Wenn du dir die Affirmation nicht nur vorsagst, sondern sie auch mit Bildern (Visualisierungen) und Gefühlen verknüpfst, beschleunigt das den Prozess.

    Die 3 goldenen Regeln für wirksame Affirmationen

    Damit eine Affirmation im Unterbewusstsein wirken kann, sollte sie drei Kriterien erfüllen:

    1. Gegenwart: Formuliere den Satz so, als wäre er schon Realität. Also nicht: „Ich werde gelassen sein und vertrauen“, sondern: „Ich bin gelassen und im Vertrauen.“
    2. Positiv formulieren: Das Wort „nicht“ kann unser Unterbewusstsein nur schwer verarbeiten. Wähle statt „Ich fühle mich nicht mehr unsicher“ lieber eine Formulierung wie: „Ich vertraue dem Prozess des Lebens. Ich bin in Sicherheit.“
    3. Es muss sich richtig anfühlen: Der Satz sollte keinen inneren Widerstand auslösen. Löst deine Affirmation ein gutes Gefühl aus? Zaubert sie dir vielleicht sogar ein Lächeln ins Gesicht? Dann hast du deine Affirmation gefunden:)

    Ein kleiner Satz mit großer Wirkung

    Als ich vor sieben Jahren bei einer Fortbildung zum ersten Mal von der heilenden Wirkung von Affirmationen hörte, war ich sofort fasziniert. Ich begann direkt mit eigenen Selbstversuchen und testete die Wirkung unterschiedlichster Sätze.

    Probiere es am besten gleich selbst aus: Formuliere eine einzige Affirmation, die dich emotional berührt. Schreibe sie auf ein Post-it und klebe es an einen Ort, den du oft siehst – beispielsweise an den Badezimmerspiegel, an den Kühlschrank oder an deinen Schreibtisch. Sprich den Satz jeden Morgen nach dem Aufwachen dreimal laut und bewusst aus. Lege dabei deine Hände auf dein Herz, schließe die Augen und verknüpfe die Worte mit einem positiven Bild. Nutze dafür deine Vorstellungskraft – das kann ein goldenes Licht sein oder ein schöner Ort in der Natur.

    Schon eine einzige Minute deiner bewussten Aufmerksamkeit reicht aus, um dein Unterbewusstsein positiv zu beeinflussen und dein mentales sowie körperliches Wohlbefinden langfristig zu fördern.

    Inspirationen von Luise Hay

    • Ich liebe und akzeptiere mich und vertraue dem Prozess des Lebens.
    • Freudig lasse ich die Vergangenheit hinter mir.
    • Ich bin im Frieden und in Sicherheit.
    • Liebevoll lasse ich Freude durch Herz, Geist, Körper und meine Gedanken fließen.
    • Ich bin ganz in meiner Mitte und lebe im Frieden.
    • Ich bin gut genug, genau so wie ich bin.
    • Ich bin willens, mich zu wandeln und zu wachsen.


      Mach dir keinen Druck, es muss nicht von Anfang an perfekt sein. Such dir einfach für den Start einen Satz aus, schreibe ihn auf ein Post-it und probier’s aus. Du wirst sehen, es tut einfach unheimlich gut.

      Alles Liebe,
      Yve


      Quellen:
      Louise Hay, Heile deinen Körper, 3.Aufl. 2025
      Cascio, C. N., O’Donnell, M. B., Bayer, J., Tinney, F. J., Lieberman, M. D., Taylor, S. E., … & Falk, E. B. (2016). Self-affirmation activates brain systems associated with valuation and self-processing. Social Cognitive and Affective Neuroscience

      Foto: Josh Willink
  • Energie im Fluss: Warum Qigong weit mehr ist als nur Bewegung

    Energie im Fluss: Warum Qigong weit mehr ist als nur Bewegung

    Kennst du diese Tage, an denen du schon kurz nach dem Aufwachen weißt: Das wird verdammt anstrengend. Der Nacken schmerzt, du fühlst dich schwummrig und erschöpft. In unserer westlichen Welt versuchen wir oft, diese Symptome isoliert zu bekämpfen: Eine Kopfschmerztablette hier, ein paar Tropfen für die Nerven da. Nur um am Ende festzustellen, dass sie sich auf diesem Weg einfach nicht beseitigen lassen – sie kommen immer wieder.

    Einen ganz anderen Ansatz verfolgt die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Sie fragt nicht bloß nach dem Schmerz, sondern sucht nach der Blockade im Energiefluss des Körpers. Die Suche nach den Ursachen verbindet dabei ganzheitlich die körperliche, mentale und die energetische Ebene.

    Eine der kraftvollsten Tools dieser jahrtausendealten Medizin ist Qigong. Denkst du dabei auch sofort an ältere Menschen, die sich in Zeitlupe durch den Stadtpark bewegen? Damit bist du nicht allein:) Doch Qigong ist so viel mehr als ein bisschen Dehnen und sanfte Gymnastik. Als eine der fünf Säulen der TCM betrachtet Qigong deinen Körper, deinen Geist und deine Seele als unzertrennliche Einheit – und genau so wird es gelehrt und praktiziert.

    Neben Qigong gibt es in der TCM noch vier weitere Säulen: die Akupunktur, die Phytotherapie, die Manualtherapie (Tuina) und die Ernährungslehre.


    Was ist Qigong?

    Um Qigong zu verstehen, werfen wir zuerst einen Blick auf die Übersetzung:

    • Qi steht für die Lebensenergie, die Lebenskraft, die durch alles Lebendige fließt.
    • Gong bedeutet regelmäßiges Üben, Kultivieren oder Arbeit.

    Qigong ist also das bewusste Üben und Kultivieren unserer Lebensenergie. Durch die Kombination aus sanften, fließenden Bewegungen, tiefer Bauchatmung und Visualisierung wird das Qi in den Meridianen (den Energiebahnen des Körpers) aktiviert und Blockaden aufgelöst.

    Der ganzheitliche Ansatz

    In der TCM dreht sich alles um das Gleichgewicht zwischen Yin und Yang. Um dieses Gleichgewicht herzustellen werden im Qigong drei Ebenen miteinander verbunden:

    1. Die körperliche Ebene

    Die Bewegungen im Qigong werden meist langsam und fließend ausgeführt, was den Körper sanft fordert, ohne ihn anzustrengen. Die Gelenke werden sanft mobilisiert, die Faszien gedehnt und die tiefe Muskulatur gestärkt. Gleichzeitig stärkt die tiefe Atmung die Lunge, aktiviert die inneren Organe sowie das Immunsystem.

    2. Die energetische Ebene

    Nach der TCM haben Beschwerden, Schmerzen und Krankheiten oft dieselbe Ursache: Blockaden in unserem Energiefluss. Wenn die Lebensenergie ins Stocken gerät, meldet sich der Körper. Qigong löst diese energetischen Stagnationen auf und sorgt dafür, dass dein Qi wieder frei und ungehindert fließen kann. Deine Organe arbeiten wieder Hand in Hand und finden zurück in ihre ursprüngliche Kraft.

    3. Die geistige Ebene

    „Where intention goes, Qi flows“ – wo die Aufmerksamkeit hingeht, dorthin fließt auch die Energie. Dieses alte Qigong-Sprichwort bringt es auf den Punkt. Wenn wir uns voll und ganz auf unseren Atem, den Fluss der Lebensenergie und die sanften Bewegungen einlassen, kommt das Gedankenkarussell im Kopf wie von selbst zur Ruhe. Qigong ist Meditation in Bewegung. Während du übst, baut dein Körper Stresshormone ab und dein vegetatives Nervensystem schaltet ganz automatisch in den tiefen Entspannungsmodus.

    Der TCM-Ansatz zusammengefasst: Qigong behandelt nicht die Krankheit, sondern aktiviert die Selbstheilungskräfte, löst Stagnation auf und stärkt somit die körperliche und mentale Gesundheit.


    Vom Denken ins Spüren: Ein kleiner Impuls für deinen Alltag

    Das Schöne am Qigong ist: Du brauchst keine Vorkenntnisse, kein besonderes Trainings-Outfit oder eine teure Ausrüstung. Es geht nicht um Perfektion oder Leistung, sondern um das bewusste Spüren.

    Eine kleine Übung für sofort:

    Stell dich hüftbreit und locker hin, die Knie sind entspannt und leicht gebeugt. Der Rücken ist gerade, Schultern sind locker.

    Lass deine Arme zuerst locker hängen. Handflächen zeigen zum Körper. Erde dich über die Fußsohlen. Atme bewusst drei Mal ein und aus.

    Nimm die Hände nun vor den Unterbauch; die Handflächen zeigen nach oben, die Fingerspitzen zeigen zueinander. Die Finger berühren sich nicht, sind ebenfalls entspannt.

    Atme sanft durch die Nase ein und hebe die Hände dabei vor dem Körper nach oben bis auf Brusthöhe. Dann drehst du die Handflächen nach unten.

    Atme lange aus. Die Hände sinken wieder bis zum Unterbauch.

    Handflächen wieder nach oben drehen, einatmen, Hände anheben bis zur Brust, Handflächen nach unten drehen, sinken lassen, ausatmen.

    Beim Ausatmen beugst du deine Knie ein wenig mehr, beim Einatmen richtest du dich wieder auf.

    Wiederhole das 5- bis 10-mal ganz im Rhythmus deines Atems. Stell dir dabei vor, wie du mit dem Einatmen frische Energie aufnimmst und mit dem Ausatmen Ballast, Anspannung, Sorgen in die Erde abgibst.

    Weitere Übungen findest du hier .

    Ganz viel Freude beim Üben und Entspannen!

    Yve




    Foto: Lerkrat Tangsri
    Quellen:

    Gunawan, Y. A. et al. (2025). Effect of Tai Chi and Qigong on Heart Rate Variability: A Systematic Review and Meta-Analysis. publiziert via PubMed / Frontiers in Physiology.

    Sun, J. et al. (2025). Differences in acute physiological response to a Qigong exercise among middle-aged adults.erschienen in: Frontiers in Physiology.

    Yeung, A. et al. Qigong and Tai-Chi for Mood Regulation. erschienen in: Focus – The Journal of Lifelong Learning in Psychiatry (American Psychiatric Association)