Schlagwort: Malen

  • Mut zur Farbe, Mut zu sich selbst: Gabriele Münter

    Mut zur Farbe, Mut zu sich selbst: Gabriele Münter

    Hast du schon einmal vor einem Gemälde gestanden und gespürt, wie dich Farben, Formen oder Motive in den Bann ziehen? So, als ob sich in deinem Inneren eine lange verschlossene Tür öffnet? Genau das ist mir passiert, als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal die Werke von Gabriele Münter in einer Ausstellung im Kunstbau in München, und in ihrem Haus in Murnau gesehen habe.

    Ihr Name war mir zwar schon lange bekannt – als eine der Mitbegründerinnen des Expressionismus und die „Frau an der Seite“ von Wassily Kandinsky. Gabriele Münter war eine Pionierin. Mit ihrem einzigartigen Blick auf die Welt brachte sie ihre Vision in ausdrucksstarken Farben und Formen auf die Leinwand.


    Kurze Biografie

    Gabriele Münter (1877–1962) war eine bedeutende Künstlerin des Expressionismus. Nach einer Amerika-Reise im Jahr 1901 mit ihrer Schwester begann sie ihre künstlerische Laufbahn in München. Hier lernte sie Wassily Kandinsky kennen. Die beiden verband eine langjährige Partnerschaft sowie eine enge berufliche Zusammenarbeit.

    Zwischen 1908 und 1914 hatte Gabriele Münter in Murnau, Bayern, ihre produktivste Phase.: Sie war Mitbegründerin des berühmten „Blauen Reiter“ und prägte mit ihren klaren Formen und den kräftigen Farben den deutschen Expressionismus maßgeblich. Nach der Trennung von Kandinsky und Jahren in Skandinavien und Frankreich, kehrte sie 1930 dauerhaft in ihr Haus nach Murnau zurück, wo sie bis zu ihrem Tod mit ihrem Partner Johannes Eichner lebte und als Künstlerin arbeitete.


    Die Sprache der Farben

    Gabriele Münters Farbwahl war eine stille, künstlerische Revolution. Damals wurde von Künstlerinnen erwartet, zurückhaltend und akademisch angepasst zu malen. Sie setzte jedoch mutig auf starke, unverdünnte Farben.

    • Freie Farbwahl: Sie malte Objekte nicht in ihren „echten“ Farben, sondern wie sie sie fühlte. So malte sie einen Berg nicht in grau, wie es sonst üblich war, sondern in tiefem Blau und Violett.
    • Schwarze Konturen: Sie umrandete leuchtende Gelb-, Blau- und Rottöne mit dunklen, dominanten Linien. Erst durch diese Konturen kamen die Farben von innen heraus richtig zum Leuchten.
    • Die Seele malt mit. Ihre Werke und Farben spiegelten nicht wider, was das Auge sah, sondern was die Seele wahrnahm.

    Sie malte nicht, um zu gefallen, sondern um die Welt so zu zeigen, wie sie sie empfand.

    Gabriele Münters Botschaft an uns ist zeitlos, klar und hochaktuell:

    Nimm dir deinen Raum und vertraue deiner eigenen Stimme.



    Über viele Jahre stand Gabriele Münter im Schatten ihrer männlichen Kollegen wie Kandinsky, Marc, Klee und Macke. Sie wurde zur „Schülerin“, „Muse“ oder „Gefährtin von Kandinsky“ degradiert – während ihre männlichen Weggefährten als „Genies“ gefeiert wurden. Sie erlebte Phasen der Isolation und Ablehnung. Doch sie kämpfte für ihre Überzeugungen – als Künstlerin und als Frau. Mit ihrem außergewöhnlichen Mut versteckte sie während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Kunstwerke des „Blauen Reiter“ in ihrem Haus in Murnau und bewahrte sie so vor den Nationalsozialisten.

    Ihre Werke und ihr Mut erinnern uns daran

    1. Trau dich, ganz du selbst zu sein!
    2. Setze deine Grenzen und vertraue deiner Intuition.
    3. Erkenne deine innere Kraft und entscheide dich mutig für deinen eigenen Weg!

    Gabriele Münter zeigt uns, dass Mitgefühl und Durchsetzungsvermögen einander nicht ausschließen. Doch das setzt voraus, dass wir trotz aller Widerstände – ob von außen oder in uns selbst – mutig unseren Weg gehen. Einen Weg, der mit unserem Herzen und unserer Seele resoniert. Und wenn du dich selbst erkennst, wirst auch du die Welt in deinen ganz eigenen Farben und in deinem eigenen Leuchten erleben.


    Kleine künstlerische Übung zum Schluss:

    1. Innehalten: Wie fühlst du dich gerade? Welches Gefühl ist jetzt in diesem Moment in dir am stärksten?
    2. Farben wählen: Gib diesem Gefühl eine Farbe. Vergiss die Realität: Dein Gefühl bestimmt die Farbwahl – egal ob neongelb, tiefviolett oder feurig rot.
    3. Einfach malen: Bringe die Farben ohne „schön“ malen zu wollen aufs Papier. Es muss kein konkretes Motiv sein – nur eine Form, eine Linie, dein Gefühl, das sich ganz intuitiv zeigt.



    Viel Freude, viel Mut und alles Liebe!

    Deine Yve




    Quellen, Leseempfehlungen und Farben:

    Gabriele Münter, Malen ohne Umschweife (*Partnerlink), Prestel Verlag, 2023

    Ausstellung „Blauer Reiter, Lenbachhaus, München

    Gabriele Münter, Eine Biografie, Insel Verlag, 2017

    Artecho Acrylfarben Set bei Amazon



    Foto: Pexels

  • Wie Frida Kahlo ihr Trauma verwandelte – und was wir von ihr lernen können

    Wie Frida Kahlo ihr Trauma verwandelte – und was wir von ihr lernen können

    Schmerz hat viele Gesichter. Oft ist er auf den ersten Blick nicht sichtbar. Wenn wir den Schmerz unterdrücken, schickt uns der Körper eindeutige Signale. Diese versuchen wir vielleicht lange Zeit zu ignorieren. Frida Kahlo zeigt uns eine Alternative: Wir sollten den Schmerz nicht verdrängen, sondern ihm künstlerisch Ausdruck verleihen.

    Zwischen Schmerz und Kunst

    Frida Kahlo wurde am 6. Juli 1907 in Coyoacán nahe Mexiko-Stadt geboren. Ihre Mutter war die Mexikanerin Matilde Calderón y González, ihr Vater der deutsche Fotograf Guillermo Kahlo.
    Mit sechs Jahren erkrankte Frida an Kinderlähmung. Bereits zuvor litt sie jedoch aufgrund einer angeborenen Fehlbildung unter gesundheitlichen Einschränkungen.

    Frida erlitt im Alter von 18 Jahren bei einem tragischen Busunfall schwerste körperliche Verletzungen. Danach folgten unzählige Operationen, lange Genesungsphasen im Bett und quälende Schmerzen. Da sie über Monate hinweg in einem Gipskorsett ans Bett gefesselt war, suchte sie nach Möglichkeiten, mit ihrer Verzweiflung und Isolation umzugehen. So begann sie mit der Malerei. Liegend mit einer speziell für sie angefertigten Staffelei und einem Spiegel, der an der Decke befestigt wurde. Dort entstand das erste Selbstporträt: „Selbstbildnis mit Samtkleid“ (1926).

    Neben den großen körperlichen Einschränkungen belastete Frida ein unerfüllter Kinderwunsch und die leidenschaftliche, oft qualvolle Liebe zu dem erfolgreichen Künstler Diego Rivera. die sie in eine tiefgreifende emotionale Abhängigkeit führte.

    Da sie ihren Körper, ihre Erkrankungen sowie ihre physischen und psychischen Verletzungen zur zentralen Bühne ihrer Kunst machte, konnte sie ihre Leiden besser verarbeiten.

    • Körper, Geist und Seele als Einheit:  In ihren Werken zeigt Frida eindrucksvoll, wie sehr sie einerseits unter ihren Schmerzen und Einschränkungen litt, andererseits spiegeln ihre Werke vor allem ihre unglaubliche Stärke wider. Ob Blutbahnen, offene Wunden, Amputation, Depression, Fehlgeburt, ein mit Dornen und Nägeln geschundener Körper – Frida hat keine Scheu, ihre körperlichen, seelischen und emotionalen Verletzungen zu teilen.
    • Kein Raum für Scham: Frida teilte schonungslos und ehrlich alles, was ihr Leben prägte. Ob Korsetts, Tränen oder chirurgische Narben. Sie brachte all das auf die Leinwand und nahm den traumatischen Erfahrungen so Gefühle wie Ohnmacht, Scham und Angst.
    • Den Schmerz loslassen: Indem sie ihren Schmerz in ihren Werken teilte, fühlte sie sich damit nicht mehr ganz allein. Zwar ist der Schmerz noch ein Teil ihres Lebens, doch auf einer tieferen Ebene ist sie davon auch losgelöst.


    Frida zeigt, dass Heilung nicht bedeutet, schmerzfrei durchs Leben zu gehen. Vielmehr geht es darum, einen Weg zu finden, trotz Verletzungen, Traumata und Wunden ein erfülltes Leben zu führen. Ungeachtet ihrer Einschränkungen war Frida eine starke Frau. Sie war politisch aktiv, zeigte durch das Tragen der traditionellen Tehuana-Tracht ihre tiefe Verbundenheit zur mexikanischen Kultur und war bereits zu Lebzeiten eine international anerkannte und erfolgreiche Künstlerin sowie eine Kämpferin für die weibliche Selbstbestimmung.

    Praxisübung: Versuche, deinen (Ur-)Schmerz auf kreative Weise auszudrücken.

    Du brauchst kein Talent, oder viele Farben, um Fridas Methode auch für dich zu nutzen. Es geht nicht um Perfektion oder Ästhetik, sondern darum, nach Innen zu schauen, es geht um Ehrlichkeit und deine Maske jetzt abzulegen.

    Nimm dir 15 Minuten Zeit, ziehe dich an einen Ort zurück, der dir Sicherheit schenkt:

    Option 1: Schreibe einen Brief. Versuche, dich mit deiner tiefsten Verletzung, deinem Ur-Schmerz zu verbinden. Beobachte den Schmerz, ganz ohne Bewertung.

    • Frage dich: Wo spüre ich den Schmerz? Was möchte er mir mitteilen? Was kann ich tun, um mit dem Schmerz, der Erkrankung oder der Verletzung in Frieden zu leben?
      Schreibe ohne lange nachzudenken alles auf, was sich an Gefühlen und Gedanken zeigt.

    Option 2: Male deinen Urschmerz
    Nimm dir einen Stift und, wenn du welche hast, Buntstifte (*Partnerlink) sowie ein Blatt Papier. Schließe vor dem Malen kurz die Augen und spüre in deinen Körper hinein. Welche Farben, Formen und Texturen erscheinen vor deinem inneren Auge, wenn du an deinen persönlichen Schmerz denkst?

    • Beginne dann, ohne groß darüber nachzudenken, mit deinem „Schmerzbild”. Es darf ruhig einfarbig, krakelig, bunt, abstrakt oder ganz wild sein. Lass deine Gefühle durch die Hände auf das Blatt Papier fließen.

    Betrachte zum Abschluss nun dein Ergebnis. Was eben noch ungreifbar in deinem Körper oder Geist saß, liegt nun vor dir auf dem Papier. Indem du deinem Schmerz Ausdruck verliehen hast und nicht mehr wegsiehst, entziehst du ihm einen Teil seiner Macht. Du befreist dich vom Gefühl, damit alleine zu sein, und kannst den Schmerz teilen, ohne dich zu schämen, ohne dich schuldig zu fühlen, ohne ihn zu bewerten.

    Kunst und Kunstgeschichte sind eines meiner großen Herzensthemen. Ich hatte das große Glück, im zweiten Anlauf mit Mitte 30 Kunstgeschichte zu studieren. Besonders berührt haben mich Künstlerinnen wie Frida Kahlo, Gabriele Münter und Paula Modersohn-Becker mit ihren Werken und Lebensgeschichten. Welche Künstlerin hat dein Herz erobert?

    Ich freue mich über deine Rückmeldung in den Kommentaren.

    Alles Liebe, Yve


    Quellen und Leseempfehlungen:

    • Frida Kahlo (Taschen GmbH, 2021) – Bildband / Monografie für visuelle Werkanalysen und Symbolik.
    • Selbstbildnisse der Künstlerinnen Maria Lassnig und Frida Kahlo (GRIN Verlag, 2023) – Fachliteratur zum therapeutischen Potenzial und zur Identitätsarbeit.
    • Frida Kahlo und die Farben des Lebens: Roman (Aufbau Taschenbuch, 2019) – Biografischer Roman für erzählerische Einblicke in Kahlos Gefühls- und Lebenswelt.


    Bild: Brett Sayles